Yoga verändert sich. Wir auch.
Mit Yoga unterrichten sind die wenigsten wirklich reich geworden. Das war schon immer so, und daran hat sich nichts geändert.
Was sich verändert hat, sind die Studios. Mieten, Energie und alle anderen Kosten sind gestiegen. Plattformen und Aggregatoren drücken gleichzeitig das, was pro Stunde tatsächlich ankommt. Und was bei einem Studio nicht ankommt, kann es auch nicht an seine Lehrerinnen weitergeben. Deshalb wird es für Lehrende gerade nicht leichter.
Darüber wird im Moment viel gesprochen, in der Szene, in den sozialen Medien, unter Kolleginnen. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen. Nicht als Klage, sondern weil ich finde, dass alle, die Yoga lieben, wissen sollten, was hinter einer Stunde steht.
Wir bilden viele Lehrerinnen und Lehrer aus, und immer wieder kommt die Frage: Findet man überhaupt noch einen Job? Ja, findet man. Sogar eher als früher. Denn die rechtlichen Anforderungen an echte Selbstständigkeit sind gestiegen, und viele Studios, auch wir, mussten ihre Verträge umstellen. Klassische Honorarverträge gibt es so nicht mehr. Wer unterrichtet, ist heute wirklich selbstständig, mit allem, was dazugehört. Für viele, die früher nebenbei ein, zwei Stunden pro Woche gegeben haben, lohnt sich dieser Aufwand nicht mehr. Es fehlen Lehrende.
Aber viel verdienen wird man trotzdem nicht. Außer man unterrichtet so viel, dass es auf Kosten der eigenen Kraft geht.
Was eine Stunde wirklich kostet
Ein voller Raum ist nicht automatisch ein Raum, der sich trägt. Die Miete, der Strom, die Heizung, die Reinigung, die Verwaltung und die Lehrerin müssen bezahlt werden, ob nun zwanzig Menschen auf der Matte sind oder fünf. Und wenn die meisten Plätze davon über Plattformen gebucht werden, kommt beim Studio oft nur ein Bruchteil dessen an, was die Stunde eigentlich kostet.
Eine Lehrer*in bringt in jede Stunde Jahre an Ausbildung, Fortbildungen, eigene Praxis und Vorbereitung mit. Bezahlt wird davon in der Regel nur die eine Stunde, in der sie vor der Gruppe steht. Die Anfahrt, die Planung, das Gespräch danach mit der Teilnehmer*in, die gerade eine schwere Zeit hat, all das passiert “nebenbei”.
Wir wollen beides. Das geht nicht immer.
Ich verstehe den Wunsch nach günstigen Preisen. Das Leben ist teurer geworden, für alle. Und gleichzeitig wünschen Teilnehmende sich kleine Gruppen, persönliche Korrekturen, erfahrene Lehrende, die sie kennen, einen schönen, warmen Raum und eine Stunde, die wirklich durchdacht ist.
Beides zusammen, sehr günstig und sehr gut, geht auf Dauer nicht. Irgendjemand bezahlt immer für den Rabatt. Meistens sind es die Lehrenden. Und manchmal ist es am Ende das Studio selbst, das irgendwann schlimmstenfalls schließen muss..
Die ganze Szene verändert sich
Yoga ein riesiger Markt geworden, bei uns im Westen immer mehr getragen vom Fitnessgedanken. Yoga mit Hanteln, mit Pilates-Elementen, mit Barre, mit immer mehr Kraft und Tempo. Das hat viele Menschen auf die Matte gebracht, und das ist ein Geschenk. Gleichzeitig ist die Szene unübersichtlich geworden: unzählige Ausbildungen, sehr unterschiedliche Qualität, und für Übende kaum noch zu erkennen, wer wie gut ausgebildet ist.
Dass sich da gerade etwas bewegt, finde ich grundsätzlich gut. Auch die Yoga Alliance, der große internationale Verband, bei dem Yogaschulen ihre Ausbildungen registrieren lassen können, stellt sich neu auf. Sie möchte weg vom reinen Registrieren und hin zum Prüfen. Ab 2027 sollen Lehrende ihren Titel nur noch behalten, wenn sie einen Online-Test bestehen und zusätzliche Nachweise erbringen.
Ich sehe das sehr kritisch. Was künftig zählt, sind vor allem die Ausbildungsstunden und ein Test. Wie lange jemand schon unterrichtet und wie viel Erfahrung jemand mitbringt, spielt kaum noch eine Rolle. Dabei ist es genau diese Erfahrung, die eine gute Lehrerin ausmacht. Kein Online-Test kann zeigen, ob jemand einen Raum halten kann oder sieht, was ein Mensch auf der Matte gerade braucht. Und was das alles künftig kostet, für Lehrende wie für Schulen, dazu ist bisher noch gar nichts gesagt.
Viele Lehrende haben mit deutlicher Kritik reagiert, und der Verband hat inzwischen nachgebessert: Die Bezeichnungen nach 200 und 500 Stunden sollen nun doch bleiben. An der Grundrichtung hat sich aber nichts geändert.
Für mich stellt sich dabei eine einfache Frage: Müssen wir da mitgehen? Und dient das wirklich der Qualität im Yoga?
Unser Weg: mehr Tiefe statt mehr Tempo
Wir haben für uns entschieden, diesen Weg nicht mitzugehen, sondern einen eigenen. Einen, der sich für mich schon lange richtig anfühlt.
Wir gehen bewusst ein Stück zurück zu dem, was Yoga im Kern ausmacht: Atem, Achtsamkeit, Haltung im doppelten Sinn, Philosophie, ein ehrlicher Umgang mit dem eigenen Körper.
Wir bauen unsere Ausbildung künftig auf 500 Stunden auf, statt bei 200 Stunden stehen zu bleiben. Und wir richten sie so aus, dass unsere Absolventinnen und Absolventen die Voraussetzungen für eine Anerkennung durch die Krankenkassen erfüllen können.
Damit verbinde ich eine Hoffnung: dass Yoga wieder stärker dorthin kommt, wo es wirklich gebraucht wird.
Weniger als Fitnessprodukt, mehr als Begleitung für Menschen mit Rückenschmerzen, mit Stress, mit Erschöpfung, in schwierigen Lebensphasen.
Mit unserem therapeutischen Yoga gehen wir diesen Weg schon heute.
Das bedeutet mehr Zeit, mehr Tiefe und mehr Hingabe an das Yoga, für alle, die bei uns lernen. Und es bedeutet auch, dass Lehrerinnen etwas in der Hand haben, das ihren Wert sichtbar macht.
Warum nicht auch hier Trinkgeld?
In Hamburg wird unter Kolleginnen gerade eine Idee diskutiert, die ich wirklich schön finde: Yogalehrerinnen und -lehrern Trinkgeld zu geben.
Wenn wir im Restaurant gut bedient werden, geben wir selbstverständlich etwas dazu. Beim Friseur, im Café, im Taxi auch. Aber bei jemandem, der eine Stunde lang ganz für uns da war, der uns durch eine Endentspannung begleitet hat, nach der wir zum ersten Mal seit Tagen wieder richtig durchatmen konnten, kommen die wenigsten auf diese Idee.
Ich habe meinem Team gesagt: Wenn ihr das machen möchtet, macht es gern. Wir stellen zwar keine Kasse auf den Tresen, denn niemand soll sich verpflichtet fühlen. Aber wenn jemand nach der Stunde Danke sagen möchte, darf dieses Danke auch einmal konkret sein. 🫶🏽
Wichtig ist mir dabei eines: Trinkgeld ersetzt keine faire Bezahlung. Die Verantwortung dafür liegt bei uns Studios, und die nehmen wir ernst. Trinkgeld ist etwas anderes. Es ist eine persönliche Geste der Wertschätzung, zusätzlich und freiwillig.
Was jede und jeder beitragen kann
Ich glaube nicht, dass wir diese Entwicklung aufhalten können. Aber wir können sie mitgestalten. Und dafür braucht es gar nicht viel:
Regelmäßig kommen: Für ein Studio ist eine treue Gemeinschaft mehr wert als jede volle Aktionswoche. Und für die eigene Praxis übrigens auch.
Direkt beim Studio buchen, wenn es möglich ist.:Dann kommt das Geld dort an, wo die Arbeit passiert.
Weitererzählen: Eine ehrliche Empfehlung an Freundinnen oder Kollegen hilft mehr als jede Werbeanzeige.
Danke sagen: Mit Worten, mit einer Rückmeldung, und wenn es sich richtig anfühlt, auch einmal mit einem Trinkgeld.
Und an alle, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen haben oder darüber nachdenken: Ja, es gibt einen Platz für euch. Unterrichtet. Sammelt Erfahrung. Findet euer Thema, das, worin ihr wirklich tief geht. Aber baut euer Leben nicht auf zwanzig Stunden pro Woche quer durch die Stadt. Eure eigene Praxis ist das, was euch trägt. Wenn die verloren geht, verliert auch euer Unterricht seine Kraft.
Yoga verändert sich, und das darf es auch. Ich liebe diesen Beruf, immer noch und immer wieder. Ich möchte, dass es ihn auch in zwanzig Jahren noch gibt: mit Lehrerinnen, die davon leben können, mit Studios, die bleiben, und mit Menschen, die wissen, dass das, was sie auf der Matte erleben, einen Wert hat.
Danke an alle, die regelmäßig kommen, die bleiben, die mittragen. Ihr seid der Grund, warum es Räume wie unsere gibt. 💛
Von Herzen,
Marion