Die Angst vor dem Unbekannten

… oder was mir eine Kiefer-OP über Abhinivesha gezeigt hat

Ich komme aus dem Gespräch mit der Kieferchirurgin, der Behandlungsplan steht: Mein abgebrochener Backenzahn muss gezogen werden, zwei Implantate kommen rein. Allein da hinzugehen war schon schwer genug. Und dann kam noch dazu: keine Vollnarkose, sondern "Dämmerschlaf".

Was um alles in der Welt ist Dämmerschlaf? Ich würde nichts davon mitbekommen, sagte sie, würde schlafen. Aber Geräusche vielleicht doch mitbekommen. Genau dieses "vielleicht" hat sich in mir festgesetzt.

Meine Zahnarztangst gibt es schon lange. Seit Corona ist daraus keine Angst mehr geworden, sondern Panik. Neben der Angst vor dem Schmerz im Mund sind es vor allem auch die Geräusche. Sobald jemand mit Instrumenten in meinem Mund arbeitet, fühle ich mich ausgeliefert. Ich glaube, das geht jedem so. Aber als Hochsensible reicht bei mir an dieser Stelle wenig, um mein Nervensystem in Alarm zu versetzen.

Diese Angst kenne ich. Ich weiß, wie ich mit ihr umgehe.

Aber ab diesem Gespräch war es eine andere Angst. Ich war in Schock. So sehr, dass ich wie neben mir stand, kaum ansprechbar für alles um mich herum. Drei Wochen lief ich in Alarmbereitschaft und in großer Angst durch mein Leben. Und je mehr ich mich zurückzog, desto größer wurden die Angstgedanken. Weil es etwas war, das ich nicht einschätzen konnte. Die Nacht vor der OP habe ich nicht geschlafen. Im Wartezimmer hätte ich mich fast übergeben.

Dafür gibt es im Yoga ein Wort: Abhinivesha.

Patanjali beschreibt fünf Kleshas – Kräfte, die den Geist trüben und uns genau von dem abhalten, was Yoga eigentlich will: einen ruhigen Geist. Citta Vritti Nirodhah, das Zur-Ruhe-Kommen der Gedankenwellen, das im Yoga Sutra so zentral ist. In Sutra 2.3 benennt er sie direkt:

avidyāsmitārāgadveṣābhiniveśāḥ kleśāḥ

Unwissenheit, Ich-Bezogenheit, Anhaftung, Abneigung und Abhinivesha sind die Kleshas.

Sie sind das, was dazwischensteht. Sie sind der Grund, warum der Geist nicht einfach still wird, selbst wenn wir es wollen.

Bei mir sah das so aus: Mein Geist versuchte, eine Situation einzuordnen, die er nicht kannte. Das war nichts Böswilliges, nur der Versuch, sich zu orientieren. Aber besser gemacht hat es die Sache nicht.

Immer wieder dieselbe Frage, in Varianten.

  • Wie fühlt sich das an, wach zu sein, ohne sich bewegen zu können?

  • Was, wenn ich doch etwas spüre?

    Ohne eigene Erfahrung dazu hatte mein Verstand nichts, worauf er sich stützen konnte, also fing er an, sich das Schlimmste vorzustellen, und zwar immer wieder neu. Nicht weil ich es wollte. Sondern weil der Geist eine Lücke nicht aushält und sie füllen muss, egal womit.

Abhinivesha ist eine dieser Kleshas – die Todesfurcht, das Klammern ans Leben.

Patanjali beschreibt sie in Sutra 2.9 als svarasavāhī, aus sich selbst heraus fließend, sich selbst tragend, und als etwas, das selbst bei den Weisen bestehen bleibt. Nicht, weil sie zu wenig wissen, sondern weil diese Klesha sich nicht durch Wissen auflösen lässt.

Für mich zeigte sie sich nicht direkt als Todesangst, sondern als Angst vor dem Unbekannten – vor dem, was ich nicht einschätzen konnte. Ich weiß so viel über Yoga, über Regulation, über den Geist. Und trotzdem war ich diesem Zustand ausgeliefert.

Kleshas wirken wie ein Schleier. Nicht laut, nicht dramatisch. Sie legen sich über das, was gerade ist, und verzerren es- eben “den Geist trübende Leidenschaften”.

Aus einer OP, die medizinisch klar und gut geplant ist, wird etwas Bedrohliches. Der Verstand könnte es besser wissen. Das Nervensystem glaubt es trotzdem nicht.

Die OP ist jetzt vorbei. Sie ist sehr gut verlaufen, der Chirurg hat das wirklich großartig gemacht. Und trotzdem merke ich:

Nicht der Schmerz danach ist gerade das Thema. Es ist mein Nervensystem, das noch sehr deutlich nachhallt von dem, was schon vorbei ist.

Was mir jetzt hilft, ist eigentlich ganz einfach: mir wirklich Ruhe zu gönnen.

Nicht als Technik, die ich anwende, sondern als Erlaubnis, die ich mir gebe. Es muss nichts Besonderes sein. Nur das zu tun, was guttut, ohne Absicht, ohne dass es einen Namen braucht.

Bei mir sieht das gerade so aus:

  • lange, ausgedehnte Ausatmungen, morgens, noch bevor ich aufstehe – der Vagusnerv reagiert auf nichts so zuverlässig.

  • Restorative-Positionen, unterstützt liegen, mit Decken und Bolstern, zehn, fünfzehn Minuten, in denen ich nichts leisten muss.

  • Und, was ich lange unterschätzt habe: mir wieder Zeit für gutes Essen zu nehmen. Selbst zu kochen, zu backen, mich mit dem zu beschäftigen, was auf den Teller kommt, statt es nur nebenbei zu erledigen.

    Wenn ich merke, dass diese Zeit wieder da ist, weiß ich: Ich reguliere runter. Es ist Zeit, die ich mir sonst im Stress nicht nehme.

Und die Frage, die eigentlich dahinter steht: Wann merke ich denn, dass es wieder okay ist? Woran erkenne ich Regulation, statt sie mir nur einzureden?

Für mich sind es selten die großen Zeichen. Eher:

  • Mein Schlaf wird wieder tief, nicht nur lang.

  • Stille wird wieder aushaltbar, ohne dass ich sie füllen muss.

  • Eine Nachricht, ein Klingeln, eine spontane Frage lösen keinen kleinen Alarm mehr aus.

  • Keine Checkliste, eher Momente, die ich im Rückblick bemerke: Ach, das war lange nicht mehr so.

Genau das ist es, was mich gerade so beschäftigt – und irgendwie auch nicht zufällig das Thema meiner Fortbildung Yoga und Stressmanagement, die nächste Woche startet. ☺️

Wie Nervensystem-Regulation eben keine Technik ist, die einmal gelernt ist, sondern ein Prozess, den ich immer wieder neu verstehe.

Meist erst dann richtig, wenn ich selbst mittendrin stecke.

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