Wem ich meine Energie schenke

Es gibt einen Reflex, den viele von uns früh lernen: Wenn etwas verletzt, geh. Sei still. Halte aus. Mach dich klein genug, dass der Schmerz keinen Platz mehr braucht. Über die Jahre wird daraus eine Haltung, die wir sogar für Stärke halten — diese Fähigkeit, alles zu ertragen, nichts an sich heranzulassen, immer verständnisvoll zu bleiben.

In der Psychologie hat dieser Reflex einen nüchternen Namen. Er ist eine Überlebensstrategie.

Ein Kind, das sich nicht wehren kann, lernt, sich anzupassen, zu beschwichtigen, zu verschwinden — weil das in dem Moment der sicherste Weg ist. Das Problem ist nur: Diese Strategie überlebt das Kind.

Sie läuft weiter, Jahrzehnte später, in einem erwachsenen Menschen, der sich trotzdem automatisch klein macht, sobald der alte Schmerz anklopft.


Vor ein paar Tagen lag ein Brief in meinem Briefkasten, der ein Kapitel wieder aufschlug, das ich längst geschlossen glaubte. Dem Anschein nach ging es um etwas Formales. In Wahrheit ging es um eine alte Frage — eine, von der ich dachte, ich hätte sie hinter mir.

Fast zur selben Zeit sind mir diese Zeilen von Brianna Wiest begegnet, und sie haben mich nicht mehr losgelassen:

„It is the hardest thing you will ever have to do, and it will also be the most important: stop giving your love to those who aren't ready to love you. Stop having hard conversations with people who don't want to change. Stop showing up for people who are indifferent about your presence. Stop prioritizing people who make you an option. Stop loving people who aren't ready to love you."

— Brianna Wiest

Ich lasse die Sätze bewusst im Englischen stehen. Eine Übersetzung glättet sie zu sehr. People who make you an option — Menschen, für die man immer nur eine Möglichkeit unter vielen ist, nie die Selbstverständlichkeit. Im Deutschen wird das umständlich. Im Englischen trifft es mitten hinein.


Lange habe ich solche Sätze als reine Aufforderung zum Loslassen verstanden. Und das ist auch richtig — am Ende. Aber ich habe gelernt, dass es zwei sehr verschiedene Arten von Wunden gibt, und dass sie nicht dasselbe von uns verlangen.

Die eine ist die unbetrachtete Wunde.

Die, die wir zuhalten und „losgelassen" nennen, obwohl wir nur weggeschoben haben. Was nicht gesehen wird, geht nicht — das ist keine spirituelle Idee, das ist schlichte Psychologie. Verdrängtes verschwindet nicht. Es geht in den Untergrund und steuert von dort aus weiter, taucht als Reaktion auf, die viel zu groß ist für den Anlass. Diese Wunde verlangt, dass wir endlich hinschauen.

Aber es gibt noch eine andere.


Die andere ist die Wunde, die längst angesehen wurde.

Durch die Mensch nicht hinweggegangen ist, sondern hindurch — über Jahre. Die so weit verheilt ist, dass nur noch eine Narbe blieb.

Über diese Art Wunde wird seltener gesprochen. Denn manche Wunden bleiben nicht offen, weil wir verdrängen. Sie bleiben offen, weil das Heilen ein Gegenüber bräuchte — und das Gegenüber verweigert sich. Da können wir hinschauen, so lange wir wollen: Den letzten Schritt kann man nicht allein gehen, wenn er nie nur einem allein gehört hat.

Und dann passiert manchmal etwas — ein Brief, ein Satz, eine Begegnung —, das die fast verheilte Stelle noch einmal trifft. Kein altes Thema, das wieder hochkommt; das war betrachtet. Sondern eine neue Verletzung, an dieselbe Stelle gesetzt. Das ist nicht die alte Wunde. Das ist ein neuer Stich in eine alte Narbe. Und er verlangt etwas anderes als das Hinschauen, das schon geschehen ist.


Und genau hier hilft mir gerade die Achtsamkeit mehr als alles andere.

Yoga ist für mich nie nur das auf der Matte gewesen. Es ist die Übung, etwas Schmerzhaftes wahrzunehmen, ohne sofort handeln, erklären oder weglaufen zu müssen. Der Schmerz verschwindet dadurch nicht. Aber er bestimmt nicht mehr, was ich als Nächstes tue.

Den alten Reflex — mach dich klein, sei still, verschwinde — bemerke ich heute, während er passiert. Ich spüre, wie er sich melden will, und ich muss ihm nicht mehr automatisch folgen.

➡️ Achtsamkeit heißt für mich in diesen Tagen: Ich verdränge nicht, und ich werde auch nicht mitgerissen. Ich lasse den Schmerz da sein, ich sehe ihn an, ich benenne ihn. Und gleichzeitig falle ich nicht in das alte Muster zurück, mich aufzulösen oder alles wieder stumm zu schlucken.

Das ist ein schmaler Grat. Aber es ist der einzige, auf dem ich aufrecht bleibe.


phtocredit @gritsiwonia

Wiest bringt es in einem einzigen Satz auf den Punkt:

„The truth is that you are not for everyone, and everyone is not for you."

— Brianna Wiest

Denn manche Verletzungen verlangen nicht, dass wir noch einmal hinschauen. Das haben wir getan. Sie verlangen etwas anderes: dass wir für uns einstehen.

Der Satz, den viele von uns sich jahrzehntelang verboten haben: So nicht. Nicht mehr. Nicht aus Wut, nicht um zu verletzen, sondern weil man sich selbst endlich genug wert ist, um die eigene Würde nicht länger zur Verhandlung zu stellen — auch dann nicht, wenn die andere Seite längst entschieden hat, dass man nicht zählt. Gerade dann nicht.

Wiest schreibt einen Satz, der genau das umdreht — weg von dem, was andere mit mir machen, hin zu dem, was ich noch zulasse:

„It is your job to realize that you are the master of your fate, and that you are accepting the love you think you're worthy of."

— Brianna Wiest

Das ist der unbequeme, befreiende Kern. Wie ich behandelt werde, sagt nicht nur etwas über die anderen — es sagt auch etwas darüber, was ich mir selbst noch zugestehe. Sich zu wehren, wo man früher nur gegangen wäre, ist deshalb keine Aggression. Es ist Selbstachtung, die endlich eine Stimme bekommt.


Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne."

— Hermann Hesse, „Stufen"

Hesse spricht vom Abschied — aber Abschied heißt nicht immer leise gehen. Manchmal ist der wahre Abschied der von einer alten Rolle: der Rolle der Duldenden. Der, die immer verständnisvoll ist. Der, die nichts sagt, weil es ja auch nichts ändert.

Sich von dieser Rolle zu verabschieden, ist vielleicht der schwerste Neubeginn überhaupt. Und das echte Loslassen — das, das nichts mehr verdrängen muss — kommt erst danach. Nicht als Wegatmen des Schmerzes, sondern als das ruhige Wissen:

Ich habe hingeschaut. Ich habe das Meine getan. Ich bin für mich eingestanden.

Und was andere daraus machen, liegt nicht mehr in meiner Hand.


Meine Zeit ist begrenzt. Meine Energie ist begrenzt.

Und genau deshalb entscheide ich, wofür ich sie einsetze. Nicht nur, wem ich sie schenke — sondern auch, wofür ich aufstehe. Manchmal ist das Einstehen für sich selbst die reinste Form, die eigene Energie zu ehren. Und manchmal ist es, wach zu bleiben, wo man früher verschwunden wäre.


Und vielleicht ist das die eigentliche Unterscheidung, die ich gerade lerne: wann hinschauen heilt — und wann es nur ein weiteres Stillhalten ist.

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Älterwerden ist ein Privileg