Älterwerden ist ein Privileg
Vor der Kamera zu stehen war noch nie meine Stärke. Bei Grit aber halte ich es aus — deshalb kommt sie seit acht Jahren immer wieder zu uns, seit sie damals die Eröffnung von Urban Yoga City fotografiert hat. In diesen acht Jahren hat sich mein Gesicht verändert. Beim letzten Shooting habe ich das deutlicher gesehen als sonst. Und gleichzeitig kam ein Gedanke, den ich seither umkreise.
Älterwerden ist ein Privileg.
Ich schreibe diesen Satz und höre mich selbst dabei. Ich weiß, dass er stimmt. Und ich weiß zugleich, dass ich ihn an manchen Tagen nur sehr theoretisch denken kann, weil mein Körper, mein Spiegel und meine eigene Eitelkeit eine andere Sprache sprechen.
Es gibt in der Yogaphilosophie eine alte Unterscheidung zwischen jnana und anubhava — zwischen dem Wissen über etwas und dem tatsächlichen Erleben von etwas. Ich kann das Prinzip der Vergänglichkeit kennen, die Schriften zitieren, Anicca, das buddhistische Wort für das Niemals-Bleibende, in einer Meditationsstunde sehr klug erklären — und dennoch innerlich zusammenzucken, wenn meine Hüfte morgens länger braucht als noch vor zwei Jahren, oder wenn ich auf einem Foto Falten sehe, die letztes Jahr noch nicht da waren.
Diese Diskrepanz zwischen verstandenem Wissen und gelebter Wirklichkeit ist, denke ich, einer der ehrlichsten Orte spiritueller Praxis. Vielleicht sogar der einzige, an dem wirklich etwas geübt wird.
Denn das Erleben von Vergänglichkeit ist etwas anderes als das Wissen darüber. Das Wissen ist tröstlich. Das Erleben ist unbequem.
Ich bin 56. Und wenn ich diese Zahl aufschreibe, geschieht etwas Seltsames in mir: Sie kommt mir vor wie eine fremde Zahl, die jemand mir zugeordnet hat, ohne mich vorher zu fragen.
Innerlich bin ich an manchen Tagen ungefähr 34. An anderen Tagen, meistens am frühen Morgen, fühle ich mich sehr deutlich wie eine Frau, die ihr halbes Jahrhundert lange überschritten hat. Und an wieder anderen Tagen — und das sind vielleicht die irritierendsten — fühle ich mich, als hätte ich noch gar nicht angefangen. Als wäre ich noch nicht wirklich erwachsen. Als läge das Eigentliche noch vor mir.
Das ist eine merkwürdige Gleichzeitigkeit. Großmutter und Anfängerin. Frau, die etwas weitergibt, und Frau, die selbst noch lernt. Jemand, die unterrichtet und ausbildet, und jemand, die sich morgens manchmal fragt, was sie hier eigentlich tut und ob sie alles längst hätte besser wissen müssen.
Ich glaube, das gehört zur Wahrheit des Älterwerdens dazu, von der wir kaum sprechen: dass es nicht linear verläuft.
Dass ich nicht morgens als 56-Jährige aufwache und mich auch so fühle. Dass die Zahl und das innere Erleben oft nicht zusammenpassen, und dass ich mir selbst dabei immer wieder neu begegne — manchmal als jemand Vertrauten, manchmal als jemand Fremden.
Letztens habe ich in einem Gespräch einen Satz gesagt, der mich danach selbst nicht mehr losgelassen hat. Ich habe gesagt, dass ich hoffe, noch genügend Jahre zu haben. Einen ganzen dritten Lebensabschnitt mit Zeit. Jetzt, wo ich endlich anfange, dort zu sein, wo ich hingehöre. Wo ich zuhause bin und wirklich glücklich. Etwas, das ich über fünfzig Jahre lang gesucht habe.
Das ist ein Satz, der erst beim Aussprechen ganz seine Bedeutung zeigt. Über fünfzig Jahre suchen. Und dann — gerade jetzt, gerade hier, in diesem Lebensabschnitt, in dem unsere Kultur eher von Reduktion als von Ankommen spricht — dieses leise, fast schüchterne Wissen: Ja, das hier. Das ist es.
Und genau in diesem Moment wird das Älterwerden zu einer anderen Frage.
Es geht nicht mehr darum, wie ich es aushalte. Es geht darum, wie viel mir davon noch geschenkt wird. Wie viel Zeit noch kommen darf, jetzt, wo das Eigentliche endlich begonnen hat.
Und während ich innerlich also längst dort angekommen bin — oder zumindest auf dem Weg dorthin — räume ich äußerlich um. Begonnen habe ich im Büro, inzwischen sind es Erinnerungskisten, alte Ordner, Fotos, Briefe, Aufbewahrtes aus vielen Jahren.
Und mit jeder Kiste stellt sich dieselbe stille Frage: Was nehme ich mit?
Manches ist sofort klar. Anderes habe ich jahrelang aufbewahrt und merke jetzt, dass ich mich nicht mehr erinnere, warum. Wieder anderes löst ein ganzes Leben aus, einen Geruch, ein Gesicht, eine Zeit — und ich bin plötzlich weit weg.
Das ist Achtsamkeitspraxis im konkretesten Sinn. Was ist mir wirklich wichtig? Was habe ich nur aus Gewohnheit getragen? Was darf gehen? Und das, was äußerlich gerade geschieht, geschieht innerlich seit Jahren parallel: ein Sortieren, ein Sichten, ein leiser Abschied von Vielem, das einmal wichtig war.
Vielleicht ist das eine der unterschätzten Bewegungen dieses Lebensabschnitts. In unserer Kultur wird viel über das Älterwerden als Verlust gesprochen — zu wenig über das Älterwerden als Verfeinerung. Als das langsame Klarerwerden darüber, was bleibt.
In einer Kultur, in der viele Frauen mit 56 eher gefragt werden, wann oder wie sie kürzertreten, fühlt es sich gleichzeitig richtig und absurd an, gerade jetzt etwas Neues aufzubauen.
Richtig, weil es zu mir gehört und weil ich noch lange nicht fertig bin. Absurd, weil ich in manchen Momenten denke, ich sollte das nicht mehr tun müssen — sollte schon angekommen sein, sollte alles schon haben, sollte schon ruhen können.
Aber wo steht eigentlich, dass ich mit 56 ruhen muss?
Wer hat das festgelegt?
Und warum glaube ich es manchmal selbst?
phtocredit @gritsiwonia
„Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andre, neue Bindungen zu geben."
— Hermann Hesse, „Stufen"
In der Yoga-Welt verschärft sich diese Frage noch einmal.
Wir bewegen uns in einer Bildsprache, in der die Körper jung, schlank, biegsam und makellos sein sollen. In der Backbends fotografiert werden, deren bloßer Anblick mein Iliosakralgelenk an seine Grenzen erinnert 😵💫. In der ein Yoga-Account schnell wächst, wenn das Gesicht jung und das Outfit fotogen ist — und langsamer, wenn jemand einfach nur unterrichtet, mit dem Gesicht und dem Körper, die das Leben ihr gegeben hat.
Das ist eine seltsame Situation. Denn die Tradition, der wir folgen, lehrt eigentlich das genaue Gegenteil dessen, was ihre digitale Oberfläche zeigt. Sie lehrt Aparigraha, das Nicht-Festhalten, das Loslassen — und wird vermarktet über Bilder, die uns ein Festhalten suggerieren. Sie spricht von Santosha, der inneren Zufriedenheit mit dem, was ist, dem freundlichen Einverstandensein mit den eigenen Umständen — und produziert gleichzeitig eine Ästhetik, die uns subtil mitteilt, dass das, was wir sind, nicht ganz reicht.
Diese Spannung darf benannt werden, ohne sie aufzulösen. Ich glaube sogar, das Aushalten dieser Spannung gehört zur ehrlichen Praxis dazu.
Vielleicht ist das Älterwerden, philosophisch betrachtet, eine der wenigen Erfahrungen, die sich nicht umdeuten lassen. Ich kann vieles im Leben umrahmen, neu erzählen, in einen Sinn überführen. Aber die Zeit lässt sich nicht überreden. Sie verhandelt nicht. Sie zieht ihren Weg.
Und genau darin liegt — wenn ich lange genug hinschaue — etwas, das fast wie eine Befreiung wirkt. Denn das, was nicht verhandelbar ist, muss auch nicht verteidigt werden.
Mein Gesicht muss nicht verteidigt werden. Mein Körper muss nicht verteidigt werden. Die 56 muss nicht verteidigt werden.
Sie sind, was sie sind, sie verändern sich, und ich kann diese Veränderung beobachten wie eine Wolke: ohne sie zu sein, ohne mich von ihr aufheben oder verlieren zu lassen.
Das ist, glaube ich, das, was Yoga meint, wenn es vom Drashtu spricht — vom Sehenden, von dem in mir, das alle Veränderungen wahrnimmt, ohne selbst eine zu sein. Patanjali, der vor etwa zweitausend Jahren die Yoga-Sutren zusammengestellt hat, schreibt im zweiten Sutra: Yogash chitta vritti nirodhah — Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen der Bewegungen des Geistes.
Was darin schwingt, ist nicht das Auslöschen der Veränderung, sondern eine andere Beziehung zu ihr.
“Ich bin nicht meine Falten. Ich bin auch nicht mein junges Gesicht von früher. Ich bin nicht die Großmutter und nicht die Anfängerin. Ich bin nicht die Kiste, die mitkommt, und nicht die, die zurückbleibt. Ich bin die, die das alles wahrnimmt. “
An guten Tagen verstehe ich das. An anderen Tagen verstehe ich es nicht, und das ist auch in Ordnung.
Und vielleicht ist das die feinste Bewegung, die in diesem Lebensabschnitt zu üben ist: nicht zu wählen, ob ich die Weise bin oder die noch-nicht-Erwachsene, die Großmutter oder die Frau, die noch einmal von vorn anfängt, die mit dem Älterwerden Hadernde oder die, die es als Privileg erkennt. Sondern alles davon zugleich sein zu dürfen, ohne dass sich eines davon gegen das andere ausschließen muss.
Älterwerden ist ein Privileg, weil nicht jede es bekommt.
Das klingt zunächst wie ein Trostsatz, ist aber, wenn ich ihn ernst nehme, eine ziemlich kompromisslose Einsicht. Jede Linie, jedes Wehwehchen, jedes morgendliche längere Brauchen ist gleichzeitig ein stilles ich bin noch da — und damit etwas, das vielen Menschen, die ich auf meinem Weg getroffen habe, in dieser Form nicht mehr vergönnt ist. Diese Einsicht macht das Hadern nicht kleiner. Aber sie stellt es in ein anderes Licht.
Die Aufgabe ist nicht, das Hadern wegzumachen — denn das wäre wieder ein Festhalten, diesmal an einer makellosen inneren Haltung. Die Aufgabe ist, es einzubetten. In dieses größere, leisere, fast unsichtbare Wissen darum, dass das Leben selbst, das Stattfinden, das Dasein das eigentliche Geschenk ist. Und dass alles andere — das junge Gesicht, der schmerzfreie Körper, die Klarheit über die eigene Rolle, das Land, in dem ich lebe — sich an diesem Geschenk relativiert.
Eine Frage zum Mitnehmen:
Wenn ich die Erinnerungskisten meines bisherigen Lebens öffne — nicht nur die realen, sondern auch die inneren — was nehme ich mit? Was darf bleiben, wo es ist? Und was sagt das darüber, wer ich heute, mit meinen Jahren und meinen Wehwehchen, wirklich bin?