Schweigen war nie eine Option
Im Yoga sprechen wir von Gewaltlosigkeit.
Von Achtsamkeit, Mitgefühl und Bewusstsein. Wir berufen uns auf die Yamas, zitieren Ahimsa und verstehen Yoga als einen ethischen Weg. Und gleichzeitig beobachte ich, wie wenig von all dem sichtbar wird, wenn es außerhalb der eigenen Komfortzone ernst wird.
Während sich weltweit politische und gesellschaftliche Entwicklungen zuspitzen und Grundwerte wie Menschenwürde, Sicherheit und Freiheit offen verhandelt werden, bleibt es in großen Teilen der Yoga-Welt auffallend ruhig.
Statt Einordnung, Empörung oder wenigstens sichtbarer Wachheit geht es weiter um Ästhetik, um Selbstoptimierung, um die Pflege einer heilen Oberfläche. Alles wirkt ruhig, harmonisch, ungestört.
Das irritiert mich nicht emotional.
Es irritiert mich ethisch.
Denn das ist kein Yoga. Das ist Verdrängung.
Ahimsa ist kein stilles Prinzip
Gewaltlosigkeit bedeutet für mich nicht, sich aus allem herauszuhalten, was unbequem ist. Ahimsa kann kein neutraler Wert sein, der sich auf die eigene Matte beschränkt.
Gewalt zeigt sich nicht nur körperlich. Sie zeigt sich strukturell, politisch, sprachlich. Sie zeigt sich dort, wo Menschen systematisch ausgeschlossen, entwertet oder entrechtet werden.
Wer hier schweigt und das mit dem Argument „Yoga ist nicht politisch“ begründet, schützt in meinen Augen nicht die Praxis, sondern die eigene Bequemlichkeit.
Politik ist kein Fremdkörper im Yoga. Politik beschreibt, wie wir zusammenleben, wie Macht ausgeübt wird und wessen Leben geschützt wird. Zu behaupten, Yoga habe damit nichts zu tun, ist ein bequemer Kurzschluss.
Wenn wir von Ethik sprechen, dann muss sie auch dort gelten, wo sie fordert.
Die Yamas sind keine Dekoration
Die Yamas stehen für mich am Anfang des yogischen Weges, nicht am Rand. Ich verstehe sie nicht als philosophische Zierde, sondern als Orientierung für gelebtes Leben – und als etwas, das sich immer wieder neu erschließt, nie abgeschlossen ist.
Satya bedeutet für mich, Dinge wahrhaftig zu benennen, auch dann, wenn sie unbequem sind oder nicht ins gewünschte Bild passen. Aparigraha verstehe ich als die Bereitschaft, die eigene Komfortzone immer wieder zu hinterfragen und sich nicht an Bequemlichkeit festzuhalten. Und Ahimsa heißt für mich nicht nur, selbst keine Gewalt auszuüben, sondern Gewalt nicht zu normalisieren, indem ich sie übersehe oder ausklammere.
Sie machen Yoga für mich verbindlich.
„Diese ethischen Prinzipien gelten unabhängig von Zeit, Ort oder Umständen.“
(sinngemäß nach Yoga Sutra II.31)
Die Bhagavad Gita widerspricht dem Rückzug
Auch die Bhagavad Gita wird oft entpolitisiert gelesen, dabei ist sie ein Text über Konflikt und Verantwortung. Arjuna steht vor einer Situation, die ihn moralisch überfordert. Er möchte nicht handeln, er möchte sich entziehen. Krishna bewertet diesen Wunsch nicht als spirituell, sondern als Vermeidung.
„Du hast das Recht zu handeln, nicht aber auf die Früchte des Handelns.“
(Bhagavad Gita 2,47)
Dieser Vers ist kein Aufruf zur Gleichgültigkeit. Er fordert dazu auf, aus Klarheit zu handeln, ohne sich von Angst, Anerkennungswunsch oder persönlichem Vorteil leiten zu lassen. Auch hier geht es nicht um Rückzug, sondern um bewusste Verantwortung.
„Yoga ist nicht politisch“ ist ein bequemes Narrativ
Wenn Yogalehrende sagen, Yoga solle unpolitisch bleiben, klingt das zunächst friedlich. In der Praxis bedeutet es oft, sich nicht positionieren zu wollen. Nichts zu riskieren. Niemanden zu verlieren.
Doch Yoga war nie dafür gedacht, gefällig zu sein.
Yoga war immer eine Praxis der Wachheit.
Präsenz bedeutet nicht, alles auszuhalten und nichts zu sagen. Präsenz bedeutet, hinzuschauen und das Wahrgenommene nicht zu verdrängen. Auch dann, wenn es stört. Auch dann, wenn es das eigene Bild von Harmonie irritiert.
Warum Schweigen für mich keine Option ist
Ich glaube nicht, dass jede Yogalehrerin zu allem Stellung beziehen muss. Aber ich glaube, dass wir ehrlich sein sollten. Zu sagen, Yoga sei unpolitisch, während wir gleichzeitig von Ethik, Gewaltlosigkeit und Bewusstsein sprechen, ist widersprüchlich.
Yoga endet nicht bei schönen Bildern. Yoga endet nicht bei innerem Frieden.
Yoga fragt, wie wir mit der Welt umgehen, in der wir leben. Und diese Frage lässt sich nicht wegatmen.
Deshalb war Schweigen für mich nie eine Option.