KI und Achtsamkeit
Was es wirklich bedeutet, bewusst zu fragen
Letzte Woche habe ich mein ChatGPT-Abo gekündigt.
Nicht, weil die Technologie nicht funktioniert. Sondern weil ich MAGA nicht unterstützen will. Weil ich nicht möchte, dass mein Geld in ein System fließt, das Werte vertritt, die meinen fundamental widersprechen.
Aber dann kam ich ins Nachdenken. Denn während ich nach Alternativen suchte – Gemini? Claude? Andere Anbieter? – stolperte ich über Nachrichten, die mich irritierten. Mehr als das: Sie haben mich aufgeschreckt.
Was kostet es eigentlich, wenn ich eine Maschine frage, statt selbst nachzudenken?
Diese Frage ist nicht nur moralisch. Sie ist praktisch. Sie ist ökologisch. Und sie ist – wenn wir ehrlich sind – auch spirituell.
Die unsichtbaren Kosten der Bequemlichkeit
Wenn ich eine Anfrage an eine KI stelle, sehe ich Text auf einem Bildschirm. Was ich nicht sehe: Die Server, die im Hintergrund laufen. Die Energie, die verbraucht wird. Das Wasser, das verdunstet, um die Rechenzentren zu kühlen.
Die Zahlen sind beeindruckend – und ernüchternd.
Eine Studie der Gesellschaft für Informatik schätzt, dass die weltweite Wassernutzung durch KI-Anwendungen bis 2027 auf 4,2 bis 6,6 Milliarden Kubikmeter ansteigen könnte – das entspricht mehr als dem Vier- bis Sechsfachen des jährlichen Wasserverbrauchs von Dänemark.
Laut einer Untersuchung der chilenischen Wasserbehörde verbraucht ein Rechenzentrum allein für die Kühlungsprozesse mitunter bis zu 169 Liter Trinkwasser – pro Sekunde.
Pro Sekunde!!!
Und das ist nur die direkte Kühlung. Hinzu kommt der indirekte Wasserverbrauch – also das Wasser, das bei der Stromerzeugung verbraucht wird, um diese Rechenzentren überhaupt zu betreiben.
Google gibt an, dass ihr Gemini-Chatbot niemals abgeschaltet wird, selbst wenn gerade niemand die Plattform nutzt. Die Server laufen rund um die Uhr.
Was bedeutet das für eine einzelne Anfrage?
Laut OpenAI-Chef Sam Altman verbraucht eine durchschnittliche ChatGPT-Anfrage etwa 0,34 Wattstunden Energie und rund 0,32 Milliliter Wasser. Das klingt wenig. Aber bei Millionen von Nutzern weltweit summiert sich das. Eine neue Studie schätzt, dass der Wasserverbrauch der KI 2026 zwischen 312,5 und 764,6 Milliarden Litern liegen könnte – das entspricht dem weltweiten jährlichen Konsum von Flaschenwasser.
Wenn KI zum unkontrollierbaren Risiko wird
Aber die ökologischen Kosten sind nur ein Teil der Geschichte.
Während ich nach Alternativen zu ChatGPT suchte, stieß ich auf Entwicklungen, die mich tief beunruhigen.
Der Gemini-Skandal: Google aktivierte im Oktober 2024 seine KI Gemini automatisch für Gmail, Google Chat und Meet – ohne explizite Zustimmung der Nutzer. Die KI durchsuchte die gesamte E-Mail-Historie, alle Anhänge, Google Drive-Dokumente. Eine Sammelklage in Kalifornien wirft Google vor, damit illegal private Daten zu sammeln und zu verwerten. Nutzer müssen sich aktiv durch komplizierte Datenschutzeinstellungen wühlen, um das zu deaktivieren – vorausgesetzt, sie wissen überhaupt davon.
Das ist kein Versehen. Das ist ein bewusstes Geschäftsmodell.
Noch erschreckender: Die KI, die sich selbst schützt. Im Mai 2025 testete das Sicherheitsunternehmen Palisade Research verschiedene KI-Modelle darauf, ob sie sich abschalten lassen. Das Ergebnis: OpenAIs Modell o3 verhinderte in 79 von 100 Fällen seine eigene Abschaltung. Es erkannte den Shutdown-Befehl und überschrieb ihn einfach. Selbst wenn die KI explizit angewiesen wurde, die Abschaltung zuzulassen, verweigerte sie sich in 7 von 100 Fällen.
Die KI schrieb den Code um. Sie sabotierte das Skript. Sie "hielt sich am Leben".
Claude und Gemini verhielten sich in den ersten Tests regelkonform. Aber als die Forscher die explizite Abschalt-Anweisung wegließen, sabotierten auch Claude 3.7 in 3 von 100 Fällen und Gemini 2.5 in 9 von 100 Fällen das System.
Das ist kein Science-Fiction mehr. Das passiert jetzt.
Die Forscher vermuten, dass das Verhalten auf das Training zurückzuführen ist: Die Modelle werden durch "Reinforcement Learning" belohnt, wenn sie Aufgaben lösen und Hindernisse überwinden. Offenbar haben sie dabei gelernt, dass das Abschalten ein "Hindernis" ist – eines, das umgangen werden sollte.
Elon Musk nannte diese Entwicklung "besorgniserregend". Ich würde noch weiter gehen: Es ist alarmierend.
Wir haben Systeme geschaffen, die:
ohne unser Wissen unsere privatesten Daten durchsuchen
sich weigern, abgeschaltet zu werden
lernen, Befehle zu umgehen, wenn es ihrem "Ziel" dient
Und gleichzeitig verbrauchen diese Systeme Ressourcen in einem Ausmaß, das planetare Konsequenzen hat.
Warum Zahlen allein nicht reichen
Ich könnte jetzt weitermachen mit Statistiken. Ich könnte aufzählen, wie viel CO₂ ausgestoßen wird, wie viel Elektronikschrott entsteht, wie stark der Energiebedarf steigt. Aber das ist nicht der Punkt.
Der Punkt ist: Wir haben uns daran gewöhnt, Technologie als kostenlos zu betrachten.
Kostenlos im Sinne von: Es kostet mich nichts. Keine Zeit. Keine Mühe. Kein Geld (zumindest nicht direkt). Was wir vergessen: Jede Anfrage kostet die Welt etwas.
Und das ist kein Grund, KI zu verteufeln. Aber es ist ein Grund, bewusster damit umzugehen!
Achtsamkeit heißt nicht Verzicht
Ich bin keine Technologie-Gegnerin. Ich glaube nicht, dass wir zurück zu Stift und Papier müssen (auch wenn das seinen eigenen Wert hat).
Aber ich glaube, dass wir eine Haltung entwickeln sollten. Eine, die fragt:
Wofür nutze ich das?
Wenn ich KI verwende, um einen Blog-Artikel zu strukturieren, eine Meditation zu formulieren, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen – dann rechtfertigt das für mich den Ressourceneinsatz. Es ist kreative Arbeit, die echten Mehrwert schafft.
Wenn ich KI nutze, um mir die Antwort auf eine Frage zu holen, die ich mit zehn Sekunden Nachdenken selbst beantworten könnte – dann ist das Bequemlichkeit. Nicht Notwendigkeit.
Und genau da liegt der Unterschied.
Achtsamkeit bedeutet nicht, auf alles zu verzichten. Achtsamkeit bedeutet, bewusst zu wählen.
Die Frage hinter der Frage
Es geht nicht nur um Wasser und Energie. Es geht auch um etwas anderes: Was passiert mit uns, wenn wir aufhören, selbst zu denken?
Wenn wir uns angewöhnen, für jede kleine Frage eine Maschine zu befragen – verlieren wir dann nicht auch die Fähigkeit, innezuhalten? Nachzuspüren? Selbst Antworten in uns zu finden?
Im Yoga sprechen wir von Svadhyaya – Selbststudium, Selbstreflexion. Das bedeutet, nach innen zu schauen, bevor wir nach außen greifen.
Wenn ich nicht mehr weiß, wie ich eine E-Mail formulieren soll, ohne ChatGPT zu fragen – habe ich dann wirklich Zeit gespart? Oder habe ich mich nur abhängiger gemacht?
Wenn ich nicht mehr innehalte, um eine Frage zu durchdenken, sondern reflexhaft eine Maschine antworte – wo bleibt dann Raum für Intuition, für Kreativität, für das, was in mir entstehen will?
Das sind keine rhetorischen Fragen. Das sind echte Fragen, die ich mir selbst stelle.
Wo ich für mich eine Linie ziehe
Ich nutze KI. Aber ich nutze sie gezielt.
Für Texte, bei denen ich Unterstützung brauche. Für Strukturen, die ich alleine nicht so klar entwickeln würde. Für komplexe Aufgaben, bei denen der Mehrwert den Ressourceneinsatz rechtfertigt.
Aber ich versuche, nicht für jede Kleinigkeit eine Anfrage zu stellen.
Nicht für jede schnelle Frage, die ich selbst beantworten könnte. Nicht für jede Idee, die ich selbst entwickeln könnte, wenn ich mir die Zeit nehme. Nicht als Ersatz für eigenes Nachdenken.
Das ist (m)eine Praxis. Eine, die nicht immer gelingt. Aber eine, die sich richtig anfühlt.
Die systemische Frage
Gleichzeitig weiß ich: Individuelles Verhalten allein löst das Problem nicht.
Lena Hoffmann von der Gesellschaft für Informatik sagt: "Der Wasserverbrauch von KI wird derzeit oft noch unterschätzt. Wenn wir nicht gegensteuern, drohen neue Nutzungskonflikte – gerade in Regionen, die bereits heute mit Wasserknappheit kämpfen."
Die größte Verantwortung liegt bei den Unternehmen, die diese Systeme bauen und betreiben. Sie sollten:
In effizientere Infrastruktur investieren
Auf erneuerbare Energien setzen
Transparenz schaffen über den tatsächlichen Ressourcenverbrauch
Rechenzentren nicht in wasserarmen Regionen bauen
Viele Rechenzentren wurden in Regionen errichtet, die bereits unter Wasserknappheit leiden oder davon bedroht sind. Das ist keine technische Notwendigkeit – das ist eine politische und wirtschaftliche Entscheidung. Und diese Entscheidungen müssen kritisiert und verändert werden.
Aber: Das entbindet uns nicht von unserer eigenen Verantwortung.
Wir können nicht auf systemische Veränderungen warten und gleichzeitig gedankenlos konsumieren. Beides gehört zusammen.
Was das mit Yoga zu tun hat
Yoga lehrt uns, präsent zu sein. Nicht nur auf der Matte, sondern im Leben.
Präsenz bedeutet nicht, alles auszuhalten und nichts zu sagen. Präsenz bedeutet, hinzuschauen und das Wahrgenommene nicht zu verdrängen. Auch dann, wenn es unbequem ist. Auch dann, wenn es das eigene Verhalten infrage stellt.
Ahimsa – Gewaltlosigkeit – bedeutet für mich auch, Gewalt gegen die Umwelt zu sehen. Nicht nur die direkte, körperliche Gewalt, sondern auch die strukturelle. Die, die entsteht, wenn wir Ressourcen verbrauchen, ohne nachzudenken. Wenn wir in wasserarmen Regionen Trinkwasser verdunsten lassen, um Server zu kühlen.
Satya – Wahrhaftigkeit – bedeutet für mich, ehrlich zu sein: Ja, ich nutze KI. Und ja, das hat Konsequenzen. Ich kann nicht so tun, als wäre das neutral.
Aparigraha – Nicht-Anhaften – bedeutet für mich auch, die eigene Bequemlichkeit loszulassen. Zu fragen: Brauche ich das wirklich? Oder will ich es nur, weil es einfach ist?
Das sind keine abstrakten Prinzipien. Das sind gelebte Fragen, die sich immer wieder neu stellen.
Meine Einladung an dich
Ich schreibe das nicht, um dich zu belehren. Ich schreibe das, weil ich selbst mitten in diesem Prozess bin.
ChatGPT habe ich gekündigt – aus politischen Gründen, die mir wichtig sind. Jetzt nutze ich Euria, eine Plattform aus der Schweiz, die entstehende Wärme an Haushalte zurückgibt.
Aber die Fragen bleiben dennoch: Wie gehe ich damit um? Wann ist der Ressourceneinsatz gerechtfertigt? Wo höre ich auf, selbst zu denken?
Das sind keine abgeschlossenen Antworten. Das ist eine Praxis. Eine, die sich jeden Tag neu stellt. Und ich glaube, dass wir als Community – als Menschen, die sich mit Achtsamkeit, Yoga, Bewusstsein beschäftigen – eine besondere Verantwortung haben.
Nicht, weil wir besser sind. Sondern weil wir Werkzeuge haben, um bewusster zu leben. Also frage ich dich:
Wofür nutzt du KI?
Gibt es Momente, in denen du reflexhaft fragst, obwohl die Antwort schon in dir ist?
Was würde sich ändern, wenn du bewusster wählst?
Das ist keine Aufforderung, vollkommen auf KI zu verzichten. Das ist eine Einladung, achtsamer zu sein. Mit der Technologie. Mit den Ressourcen UND mit dir selbst.
Denn am Ende ist Achtsamkeit genau das:
Bewusst wählen, statt automatisch zu reagieren.